Odessa – eine Empfehlung.

Dies hat wenig mit Journalismus zu tun – kein Block dabei, zu müde nach einer Nacht im rumpeligen Liegewagen über dem Drehgestell. Aber wach genug, um anschließend eine Empfehlung für Odessa-Reisende abzugeben.

Gehen Sie da unbedingt ins Jüdische Museum, gar nicht weit von der in der Ukraine weltberühmten Derebasovskaya-Straße.

Suchen Sie ein bisschen nach der Nezhinskaya-Straße 66 – und ja, im Hinterhof, vorbei am grünen Moskwitsch-Wrack, falls es noch da ist, da finden sie es. Es ist eigentlich eine Wohnung, und wenn Sie klingeln, wird Ihnen von Mikhail Rashkovetsky aufgetan, dem Gründer und der Seele des Museums, der nebenbei noch Kulturveranstaltungen kuratiert.

Der Mann ist allein die Reise wert, wenn Sie etwas über die Stadt Odessa und die Eigenheiten ihrer Bewohner einst und jetzt erfahren wollen – jenseits der Eisenstein-Potemkin-Treppe, die schnarchlangweilig ist.

Er spricht astrein englisch, und Sie können ihm jede noch so dumme Frage stellen: Zum Beispiel, warum fromme Juden beim Beten so ulkige Schachteln auf dem Kopf tragen.

Und Sie können ihm zuhören: Was ein Protokoll über Vieh-Inspekteure über weltlich und weniger weltlich orientierte Juden sagt. Dass die frommen jüdischen Schriften in Wien und Berlin gedruckt wurden, nicht in Odessa. Dass Wissenschaftlerinnen aus Israel falsche Schlüsse über Verwandtschaften zwischen Literaten ziehen können. Warum Rumänen hier ein Blutbad anrichteten, nachdem sie an der Seite Deutschlands hier einmarschiert waren. Warum Leute im Sowjetreich ihre jüdischen Namen “russifizierten”, und warum ein Teelöffel an der Wand hängt.

Ein Teelöffel, der zweimal über den Atlantik gereist ist: Einmal 1908, als ein jüdischer Bewohner Odessas beschloss, das Land Richtung USA zu verlassen – wie viele es nach dem grausigen Pogrom 1905 getan hatten. Er nahm als Andenken den Löffel aus dem italienischen Café “Fanconi” mit. 2010 kam der Löffel zurück – zugeschickt von einer Nachfahrin des “Löffeldiebs”. Jetzt hängt der weit Gereiste an einer Fototapete, die das Café zeigt.

Wenn Sie wieder raus sind aus dem Museum, genießen Sie die Stadt, leisten Sie sich eine Führung. Ich war privat in der Ukraine, und kann den Besuch auch in Odessa nur anraten (und für Sie hoffen, dass es nicht regnet und kalt ist wie bei meinem Aufenthalt im Mai).

 

 

 

Berliner Politiker sind keine Wunderheiler

Der Wahlkampf in Berlin hat begonnen, und damit begann auch wieder die Zeit der Rathaus- und Wahl-Astrologen. Wer ist ein guter Senator, wer ist ein schwacher Senator, wer gewinnt, wer verliert? Probleme werden auf Personen fokussiert, und immer schwingt mit: Wenn der oder die nicht Senator oder Senatorin wäre, sondern jemand anders, liefe es besser. Das wird gepaart mit der typischen  Berliner Hysterie und Wichtigtuerei.

Alles ist in Berlin außerordentlich wichtig – wenn im Westhafen ein Sack Reis umfällt, ist das allemal einen wütigen Kommentar wert. Journalisten schwingen sich zu Scharfrichtern auf,  das mehr oder weniger zivilisierte Facebook- und Twitter-Volk findet gerne mal alle Politiker doof, korrupt oder beides, und manche Politiker tun es ihm nach, dann allerdings immer nur für die Mädels und Jungs von der anderen Feldpostnummer.

Alle haben etwas gemeinsam: Das Vergessen, dass Berlin eine mittelmäßige Großstadt mit mittelmäßigen Problemen ist, die allerdings noch immer mit einer unermesslichen Verschuldung und einer durch verzweifeltes Sparen ausgebluteten Verwaltung geschlagen ist. Dieser Zustand eignet sich aber schlecht zum Argumentieren, und dann wird wegen jeden Unfugs auf die jeweils für einen Fachbereich zuständigen Politiker eingedroschen, oder es werden Randthemen zu einer überlebensgroßen Aufgabe aufgeblasen, an deren Lösung scheinbar unser aller Leben hängt. Wehe dem, der da die Nadel schwingt, um die Blase anzustechen.

So werden Erwartungen an Wundertaten geweckt, die Politiker nicht vollbringen können. Es wird suggeriert, dass es die ganz große Idee gebe, die jemand haben könne, nur leider die Pfeife nicht, die gerade den Hut aufhat.

Dummerweise kommt es bei einem echten Problem gern dazu, dass es in der Koalition genau so parteitaktisch behandelt wird wie die üblichen Lappalien. Journalisten neigen in diesem Zusammenhang dazu, einfache Schuldzuweisungen loszulassen – macht sich ja auch schick, jemanden in den Orkus zu schreiben, der in Not ist.

Im beginnenden Wahlkampf wird von Politikern vorzeitig die Loyalität zum Koalitionspartner mindestens in Frage gestellt, um sich einen Vorteil zu verschaffen – tatsächlich aber voraussichtlich zum eigenen Schaden. Verdienste des Partners werden kleingeredet, die eigenen aufgebauscht, aber das mäßig interessierte Publikum nimmt nur das Schlechte zur Kenntnis und bezieht es auf alle handelnden Politiker.

Dazu kommt, dass Berlin seit 1990 nicht mehr der Nabel der Ost-West-Welt ist, seine Regierungschefs nicht mehr weltpolitische Figuren, sondern eigentlich Oberbürgermeister sind. Ihnen wird aber eine Rolle zugeschrieben, die sie beim besten Willen nicht mehr spielen. Eigentlich bedeutsam sind bei vielen Erscheinungen der Berliner Politik nur noch einige Stadträte und Bezirksbürgermeister, die mit  bodenständigen Ansagen klar machen, wo es hakt und damit die einzig stichhaltige Begründung für die Beibehaltung der zweistufigen Berliner Verwaltung liefern.

Das sind dann die Lieckes und von Dassels, die Giffeys, Komoß’, Spindler-Mildners oder Kirchners, um mal ein paar Namen in einem positiven Zusammenhang zu nennen. Wer bei den Zuschreibungen oben gemeint ist, kann sich jeder selbst ausdenken.

Berlin braucht dringend eine volle Dröhnung Bescheidenheit, um unaufgeregt zu arbeiten, und kein heimliches Hoffen auf Wunderheiler.

Mohamed und der Fluch des schnellen Worts

Zwei Kinder sind das Opfer eines abscheulichen Menschen geworden. Das war die Berliner Nachricht der letzten Tage. Viele haben etwas dazu gesagt, und das meiste war richtig.

Erschüttert war ich allerdings über eine Mitteilung einer Berliner Parteivorsitzenden, die folgenden Satz per Pressemitteilung in die Welt jagte, als die Meldung über den Fund des Leichnams von Mohamed erst wenige Stunden alt war.

Der Satz lautet folgendermaßen: Was mich zugleich umtreibt ist die Sorge, dass es die chaotischen Zustände am Lageso waren, die dem Täter eine Entführung so leicht gemacht haben. Der Senat trägt insgesamt die Verantwortung dafür, dass sich so etwas nicht wiederholen kann. 

Dass sich ein Politiker so schnell bereitfindet, den Mord an einem Kind als Waffe gegen die politische Konkurrenz zu wenden, und dafür eine windige Begründung findet, halte ich für anmaßend und auch faktisch falsch, was der Fall Elias beweist.

Dieses Kind wurde von seinem Mörder von einem vollkommen unchaotischen Spielplatz in Potsdam weggefangen.

Ein schlagendes Argument gegen die Parteivorsitzende, deren Sprecher anschließend der Auffassung war, mir die Haltung einer Konkurrenzzeitung vorhalten zu müssen, die das gleiche Argument wie die Vorsitzende ins Feld führen zum müssen glaubte.

Schnelligkeit ist ja manchmal ganz nett, aber nicht immer.

Maaslos – der Unfug der Demoskopie-Politik

Jede Freiheit, jedes Recht hat Grenzen. Das gilt – auch wenn es den Journalisten mindestens wurmt – auch für die Pressefreiheit. Deshalb will ich nicht in die Jeremiade über Beschneidung der Pressefreiheit durch Ermittlungen wegen Landesverrats gegen Blogger von netzpolitik.org einstimmen, sondern mich mit dem Verhalten des Justizministers Heiko Maas (SPD) und der Bundesregierung auseinandersetzen.

Was war passiert: Irgend ein illoyaler – bestenfalls besorgter – Mitarbeiter aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz hatte vertrauliche Unterlagen an die Blogger weitergegeben, die sie veröffentlichten. Das könnte eine Straftat gewesen sein, es gab eine Anzeige des Verfassungsschutzes.

Daraufhin lief schon vor Monaten ein Ermittlungsverfahren beim Generalbundesanwalt an. Gegen “unbekannt” (den mutmaßlichen Maulwurf beim Verfassungsschutz) und zwei netzpolitik-Blogger. Dagegen ist nichts einzuwenden – Ermittlungen sind keine Verurteilung. So, wie nach tödlichen Schüssen eines Polizeibeamten amtlich gegen ihn ermittelt wird, auch wenn schon am Anfang die Notwehr klar erkennbar war.

Es wäre sogar zu wünschen gewesen, dass es zu einem Gerichtsverfahren kommt: Der Fall hätte aus der verwaschenen Rechtslage im Verhältnis zwischen dem Justizminister und dem an seine Weisungen gebundenen Generalbundesanwalt in die klar unabhängige Welt eines Gerichts herauskommen können. Die Frage, was denn “Landesverrat” ist und wann er im Bereich der Presse beginnt, hätte in einem Urteil geklärt werden können.

Möglicherweise hätte das Parlament am Ende aus einem Urteil Lehren ziehen und die Gesetzeslage so präzisieren können, dass der Staat am Ende nicht bei jedem Unfug die “Landesverrats”-Keule gegen Journalisten herausholen darf. Maas will diese Überprüfung zwar auch, aber aus eigener Herrlichkeit, was bei der Komplexität des Themas nicht die beste aller Ideen ist.

Auch ohne Gerichtsverfahren bestand die Chance, dass die Ermittlungen gegen die Blogger vor einer Anklage eingestellt werden, weil Staatsanwaltschaften nicht nur Belastendes, sondern auch Entlastendes zu ermitteln haben (zugegeben: zu letzterem tendieren sie nicht).

Das alles geschah nicht. Stattdessen soll das Ministerium von Heiko Maas dem Generalbundesanwalt “signalisiert” haben, dass es das Ermittlungsverfahren für falsch halte. Eine Anweisung, es einzustellen, wurde von Maas aber offenbar nicht gewagt.

Schließlich musste die Demoskopie-Politik à la Merkel aushelfen. Der vermutete Angriff auf die Pressefreiheit hatte nämlich nicht nur in der so genannten Netzgemeinde zu Aufregung geführt.  So etwas mag das Kabinett Angela Merkels gar nicht. Mit einem Mal fanden alle, dass Generalbundesanwalt Harald Range, der eigentlich nichts anderes tat als das, wofür er da war, über das Ziel hinausgeschossen sei.

Range merkte, dass ihm der Teppich unter den Füßen weggezogen wird, und machte Maas zum Abschied zur Witzfigur: Er griff ihn frontal mit dem Vorwurf an, unzulässiger Weise in die Justiz einzugreifen. Damit nötigte er Maas, ihn zu entlassen – der Minister handelte nicht, er reagierte nur.

Am Ende bleibt Unbehagen. Dass nämlich von diesem Minister und der ganzen Regierung Ermittlungsverfahren der politischen Opportunität unterworfen werden – und dass politische Beamte ihren Hut nehmen müssen, wenn sie sich dagegen zur Wehr setzen.

Ob das für das deutsche Rechtssystem von Vorteil ist, wage ich mal zu bezweifeln.

Eine Lösung auf Dauer oder eine Ausplünderung fremder Ressourcen?

In den letzten Monaten greift ein Gedanke in Deutschland um sich: Deutschland möge die Kenntnisse der vielen Flüchtlinge nutzen, die zu uns ins Land kommen. Die Wirtschaft reibt sich die Hände, und auch in der Politik ist man begeistert, auf diesem Weg das demographische Fachkräfte-Problem zu lösen.

Ich finde, dass diese Ideen einen zweiten Gedanken verdienen.

Es ist ja verlockend, syrische Ingenieure bei uns zu beschäftigen, eritreische Tischler oder russische Kfz-Mechaniker weiterzubilden. Aber wie lange sollen sie bleiben? In Deutschland scheint man der Auffassung zu sein: Für immer.

Das halte ich für eine hochgradig egoistische Position. Es ist zwar noch nicht abzusehen, wann in Syrien wieder zivilisierte Verhältnisse einkehren, in Eritrea das stalinistische Regime abgelöst wird und in Russland eine funktionierende Wirtschaft jenseits der Öl- und Gas-Industrie existiert. Sollte es aber soweit sein, dann wird der syrische Ingenieur viel dringender in seiner Heimat gebraucht als hier. Das Gleiche gilt für den Tischler aus Eritrea oder den russischen Kfz-Mechaniker.

Deutschland tendiert dazu, ausländische Bildungseinrichtungen für seine Zwecke zu gebrauchen, selbst wenn sie im jeweiligen Land nur unter Aufbietung aller Kräfte unterhalten werden können. Beispiel: Rumänien und Griechenland. Nach einer Statistik der Bundesärztekammer waren zum Jahreswechsel 2013/14 in von fast 36 000 ausländischen Ärzten in Deutschland 3454 aus Rumänien und 2847 aus Griechenland. Die beiden Länder lagen damit an der Spitze.

Die Mediziner würden in beiden Ländern dringend gebraucht, aber Deutschland gleicht mit ihnen lieber sein Versagen bei der Ausbildung aus.

Das ist nicht weit vom Kolonialismus entfernt, der auf Bodenschätze und Agrarprodukte fremder Länder aus war.

Sagen wir es mal nett: Sandra Scheeres hat ein paar Problemchen

Die Berliner Bildungsverwaltung von Sandra Scheeres (SPD) ist groß, und sie hat viel zu tun. Da kann schon mal was schief gehen.

Dass sie es nicht hinbekommt, ausreichend Lehrer bereitzustellen, ist schon so lange bekannt, dass man geneigt ist, es achselzuckend hinzunehmen. Nur ein kleiner Verein versucht jetzt, eine möglichst geringe Zahl von Stunden-Ausfällen per Volksentscheid zu erzwingen.

Dann hat die Scheeres-Behörde versucht, den Berliner Schülern neue Rahmen-Lehrpläne zu verpassen. Das hat so gut funktioniert, dass die Einführung mal eben um ein Jahr verschoben wurde.

Jetzt hat die Kollegin Vieth-Entus vom Tagesspiegel herausgefunden, dass die Scheeres-Truppe mal eben 38 Millionen Euro für ein Projekt versenkt hat, mit dem die Schulen in Sachen Informationstechnologie auf das Niveau des 21. Jahrhunderts gehoben werden sollten. Man hat es in sechs Jahren nicht hinbekommen, und jetzt wird das Projekt erstmal beerdigt.

Es sieht nicht so aus, als ob Frau Scheeres ihren Laden im Griff hätte.

Ein Absturz.

Ich hatte wegen freier Tage nichts mit dem Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen zu tun. Es hat mich aber gewundert, was in “sozialen Medien” und in einigen Publikationen so verbreitet wurde. Fünf Punkte meiner Verwunderung.

1) Die ungeheuere Aufregung.

150 Tote sind furchtbar. Aber in Garissa (Kenia) und in zwei jemenitischen Moscheen starben genau so viele Menschen bei Terroranschlägen. An derlei Barbarei scheinen wir uns gewöhnt zu haben. Die beiden Massaker “sendeten sich so weg”. Nur weil eine Menge Deutsche unter den Absturzopfern waren, sind sie mir nicht näher als erschossene Studenten oder in die Luft gesprengte Handwerker. Sie sind alle Opfer kranker Hirne.

2) Der Streit um die Nennung des Namens des Co-Piloten.

Manch Journalist und manch privater Kommentator fanden es unpassend, den Namen des Co-Piloten zu nennen (und sein Foto zu zeigen), der mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit den Absturz herbeigeführt hatte. Man kann es natürlich lassen, aber dann kann man auch jede umfangreiche Berichterstattung einstellen und auf Meldungslänge reduzieren, um niemandem nahezutreten: “In den französischen Alpen ist ein Passagierflugzeug mit 150 Insassen abgestürzt. Alle Insassen sind tot. Einer der beiden Piloten soll den Absturz herbeigeführt haben.” Andreas Lubitz war die Ursache der Katastrophe, und so krank er auch gewesen sein mag: Es gehört zur Berichterstattung, die Ursache zu nennen, und Lubitz hat mit seiner monströsen  Tat seine Privatsphäre beseitigt.

3) Das Klugscheißertum

Kaum waren die ersten Eilmeldungen raus, wurden auf Twitter erste Ursachen der Katastrophe verkündet. Ein Berliner Politiker, bekannt durch sein Dauertwittern, machte Überforderung des Menschen durch die Technik  als Grund aus. Nach etwa 15 Minuten.

4) Die Medienkritik

Ja, es gibt Reporter, die ihre Kinderstube in eben jener zurückgelassen haben. Und es gibt Fernsehsender, die Geplapper für Berichterstattung halten und Journalisten Journalisten interviewen lassen, die niemanden für ein Interview gefunden haben. Es ist auch tollkühn, Sendezeit bereitzustellen, bevor man weiß, ob man sie füllen kann. Aber es gibt auch ein Informationsbedürfnis, das von Journalisten befriedigt werden muss: Es ist ihr Beruf, und die Einschaltquoten gaben ihnen Recht. Damit machen sie sich nicht immer Freunde und müssen es ertragen, nach Katastrophen als Störenfriede angesehen zu werden (ich weiß, wovon ich spreche). Aber wehe, sie sind nicht Nervensägen genug, wenn es um andere Themen geht.

5) Die bigotte Sensibilität

16 Schüler und zwei Lehrerinnen aus der kleinen Stadt Haltern fanden im Flugzeug den Tod. Darüber wurde groß berichtet. Es gab sensible Menschen, die das furchtbar fanden. Man darf selbstverständilich behaupten, dass Medien darüber berichten, um Quote und Auflage zu “machen”. Nur: Vielleicht ungewollt wird mit der Berichterstattung über einzelne Opfer und Opfergruppen gerade im Boulevard klar, dass es bei dieser Katastrophe um Menschenleben und Schicksale ging, nicht um die nüchterne Zahl “150″.  Der Verlust von Menschenleben wird bei dieser Art von Berichterstattung viel deutlicher. Vollends bekloppt wird die Kritik der Sensiblen allerdings (und das gilt auch für Punkt 4), wenn sie über die Berichterstattung herziehen, sie aber offenbar haarklein verfolgen und Kopien der inkriminierten Artikel auch noch im Netz verbreiten. Das erinnert an im 20. Jahrhundert verblichene Schmierblätter wie “Praline”, die empörungstriefende Artikel über schreckliche Sexualstraftaten verbreiteten und dazu Zeichnungen stellten, wie sich das Verbrechen abgespielt hätte. Man würde heute Wichsvorlage zu derlei Zeichnungen sagen.

Im Nachrichtensender “euronews” gibt es ein Vorbild, wie man eindringliche Bilder verbreiten kann, ohne sinnlos zu schwätzen: “No comment” heißt das Format, bei dem kein Besserwisser aus dem Off so tut, als wisse er was.

 

Jeht nich, woll’n wa nich, wat soll’n ditte …

Kein Mensch muss für Olympia sein.

In Berlin hat sich jedoch eine Haltung ausgebreitet, die mir zuwider ist. Ein Teil der öffentlich handelnden Personen (auch der Presse) hat den Beruf gewechselt, sie wurden zu Haar-in-der-Suppe-Suchern.

Es ist eine Mischung aus Arroganz, Besserwisserei, zwanghafter Ironisierung, Fremdenfeindlichkeit (noch mehr Touristen …) und grundsätzlichem “Nein”, wenn der Senat etwas will. Gepaart mit einer Zaghaftigkeit, die – sehr paradox – großmäulig vorgetragen wird.

Ein paar Schwachköpfe holen dann noch den Föhrer mitsamt der 36er Spiele aus der Kiste, weil das immer zu ziehen scheint, wenn einem nichts weiter einfällt, um etwas zu diskreditieren. *Gähn*

Dabei sind gerade die Spiele 1936 ein Ansporn, sich für 2024 oder 2028 zu bewerben.

Oder wollen wir  künftig zusehen, wenn Diktaturen olympische Leichentücher über die Folgen ihrer  Unterdrückung ziehen.

Der Islam gehört zu Deutschland. Wirklich?

Nach dem Massaker von Paris beeilt sich nicht nur die Kanzlerin, den Spruch “Der Islam gehört zu Deutschland” zu unterstreichen.

Ich halte das für Unfug.

Nicht der Islam gehört zu Deutschland, sondern die Menschen, die hier leben. Es ist im täglichen Leben vollkommen gleichgültig, in welches Gotteshaus  – wenn überhaupt – jemand am Freitag, Sonnabend oder Sonntag geht.

Ich beurteile den Gemüsehändler, den Busfahrer oder die Friseurin nicht danach, welchem Glauben sie anhängen, sondern ob es anständige Leute sind und ob sie ihre Arbeit gut machen.

Ich bin da ganz altmodisch auf der Seite des Preußenkönigs Friedrich II.: “Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die sie ausüben, ehrliche Leute sind, und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land bevölkern, so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen.”

Sollten sich die Schlaumeier von Pegida und AfD und die Phrasendrescher von “gehört zu Deutschland” mal hinter die Ohren schreiben.

Klugscheißer und Kotzbrocken

Das Charlie Hebdo-Drama in Frankreich ist noch nicht vorbei, da bricht in den “sozialen” Medien der Wahnsinn der Klugscheißer und Kotzbrocken los.

Die einen machen sich lustig, dass die Republik Frankreich 88 000 Polizisten und das Militär losgeschickt hat, um zwei Männer zu fangen. Was für eine widerwärtige Geringschätzung des Schutzes menschlichen Lebens, was für eine Arroganz von Sesselfurzern.

Die anderen beschweren sich in der einen oder anderen Form darüber, dass man ja noch gar nicht wisse, ob es sich um islamistische Terroristen handele. Was für eine bornierte Ausblendung des Offensichtlichen, was für eine perfide Einleitung von Verschwörungstheorien.

Und noch andere machen blöde Witze.

Was für gefühllose Idioten, die ihren Müll im Schutz einer Gesellschaftsordnung ausbreiten, die ihnen genau diese Möglichkeit einräumt.